Mattias Desmet über den Totalitarismus der Massenpanik

Eine Buchrezension über das neue Buch “The Psychology of Totalitarianism” (Die Psychologie des Totalitarismus) von Mattias Desmet. Url

Von Joakim Book / Brownstone Institute Url

Totalitarismus ist nicht etwas, das in anderen Ländern, in weniger wohlhabenden oder weniger zivilisierten Ländern oder ein paar Mal in unserer eigenen beschämenden Geschichte vorkommt. Er ist ein ständiger Wegbegleiter in einer technokratischen Gesellschaft, die die Rationalität überbewertet und glaubt, das steuern zu können, was sich nicht steuern lässt. Normalerweise wird er unterdrückt und unter Kontrolle gehalten, doch er lauert immer unter der Oberfläche selbst der freundlichsten Bevölkerungen. Url

Das Faszinierende und Erschreckende an totalitären Regimen sind nicht die schrecklichen Taten, die sie begehen – dazu sind auch Diktaturen, Kriegstreiber und Psychopathen durchaus in der Lage. Wie Hannah Arendt so eindringlich dargelegt hat, liegt das Faszinierende an totalitären Regimen vielmehr darin, dass ihre überwältigende ideologische Kontrolle in alle Bereiche der Gesellschaft eindringt. Es ist die Inbrunst, mit der sich Nachbarn gegen Nachbarn wenden, und Freunde wie Familienmitglieder prangern bereitwillig Verstöße gegen das vorgegebene Dogma an. Url

Niemand scheint wirklich die Kontrolle über die Kraft zu haben, die sie vorantreibt, und in der Regel zieht auch niemand die korrupten, unsichtbaren Fäden: Alle sind von dem ideologischen Bann, unter dem sie alle stehen, verzaubert. Wenn die Lawine erst einmal ins Rollen gekommen ist, übt sie die größten unaufhaltsamen Kräfte aus. Url

Das Kollektiv zieht an einem Strang und hält sich an die Regeln – ganz gleich, wie unsinnig oder ineffektiv sie im Hinblick auf ihr vermeintliches Ziel sind. Totalitarismus ist die Vermengung von Fakt und Fiktion, jedoch mit einer aggressiven Intoleranz gegenüber abweichenden Meinungen. Man muss sich an die Regeln halten. Url

In seinem neuen Buch The Psychology of Totalitarianism, das in diesem Monat in englischer Übersetzung erscheint, nennt der belgische Psychologe Mattias Desmet dieses Phänomen “Massenbildung”. Er beschreibt, dass er 2017 begann, eine umfassende Darstellung des Totalitarismus zu skizzieren: Die Woke-Kultur und die intolerante Angst, die mit ihrem Aufstieg zur Macht einherging, waren ein Symptom – ebenso wie der Überwachungsstaat und die Hysterie der letzten Jahrzehnte rund um Terrorismus und Klimawandel. Url

Desmet interessiert sich nicht für die Themen selbst oder die Vorzüge der jeweiligen Fälle, sondern für die Art und Weise, wie die Bevölkerung sie verarbeitet, sich in sie hineinsteigert und sich psychologisch mit ihren Ideen verbindet. Url

Letztlich waren es die Reaktionen auf die Ereignisse um das Coronavirus im Jahr 2020, die für Desmet zum Auslöser wurden. Sie warfen ein grelles Licht auf viele Dinge, die in der modernen Gesellschaft zweifellos schief gelaufen waren. Hier war die Massenbildung in vollem Umfang zu sehen; totalitäres Verhalten, das plötzlich von uns allen gelebt und erlebt wurde. Url

Im Wesentlichen ist die Massenbildung eine Art Hypnose auf Gruppenebene, “die das ethische Selbstbewusstsein des Einzelnen zerstört und ihm die Fähigkeit zum kritischen Denken raubt.” Arbeitslager und Massenvernichtung, die für unsere zarte Gegenwart so unbekannt und unergründlich sind, kommen nicht aus dem Nichts, sondern “sind lediglich das letzte, verstörende Stadium eines langen Prozesses.” Url

Die Corona-Krise kam auch nicht aus heiterem Himmel; wir haben sie verursacht. (Wahrscheinlich haben wir auch das Virus geschaffen, aber das ist nicht der Gegenstand von Desmets Untersuchung). “Der Totalitarismus ist kein historischer Zufall”, schreibt er, “er ist letztlich die logische Folge des mechanistischen Denkens und des wahnhaften Glaubens an die Allmacht der menschlichen Rationalität.” Url

Er verfolgt die Unvermeidbarkeit von totalitären Reaktionen bis hin zum aufklärerischen Streben nach Rationalität und Kontrolle – wobei der Totalitarismus “das bestimmende Merkmal der Tradition der Aufklärung” ist. Die anderen wichtigen Bestandteile, um die Geheimnisse der letzten zwei Jahre zu enträtseln, sind: Url

  • Generelle Einsamkeit, soziale Isolation oder ein Mangel an sozialen Bindungen. Hannah Arendt schrieb in ihrem Versuch, die tyrannischen Regime des 20. Jahrhunderts zu verstehen, dass “das Hauptmerkmal der Massengesellschaft nicht Brutalität und Rückständigkeit ist, sondern ihre Isolation und der Mangel an normalen sozialen Beziehungen”.
  • Der Mangel an Lebenssinn wird am besten durch den irrsinnigen Anstieg von Bullshit-Jobs veranschaulicht (David Graeber): Viele Menschen widmen ihr tägliches Leben Dingen, die – unabhängig von ihrem eigenen Willen – nutzlos, überflüssig oder sinnlos sind. Soziale Entfremdung des Schaffenden sowohl von seinem Produkt als auch von seinem Kunden.
  • Freischwebende Angst: eine Gesellschaft mit vielen Ängsten, die nicht an bestimmte Objekte gebunden sind, wie die Angst vor Schlangen oder Krieg (oder vielleicht die Angst vor unsichtbaren Feinden – wie dem Klimawandel oder dem Patriarchat). Die WHO gibt immer wieder an, dass bei etwa einem von fünf Erwachsenen eine Angststörung diagnostiziert wurde; Antidepressiva werden wie Kaugummi konsumiert.
  • Frustration und Aggression: Es besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Menschen, die einsam sind, denen es an Lebenssinn mangelt, die unter Ängsten leiden, und der Neigung, andere zu verletzen – Gereiztheit, Beleidigungen und Schuldzuweisungen in Reinkultur.

Desmet schreibt: Url

“Was die Massenbildung beschleunigt, ist nicht so sehr die Frustration und Aggression, die effektiv abgebaut werden, sondern das Potenzial an nicht abgebauter Aggression, das in der Bevölkerung vorhanden ist – Aggression, die noch nach einem Objekt sucht.” Url

Dass wir im Vorfeld der Pandemie nicht gerade in einer gesunden Gesellschaft lebten, dürfte niemanden überraschen – alles, von Obdachlosigkeit, einer Katastrophe im Bereich der psychischen Gesundheit und einer Opioid-Epidemie, über Rassenspannungen, Korruption und die Kulturkämpfe bis hin zum unübersehbaren Taillenumfang des Durchschnittsamerikaners, schrie “Notfall”. Url

Aus diesen Zutaten webt Desmet eine Geschichte, die versucht, dem außergewöhnlichen Verhalten, das 2020 und 2021 dominierte, einen Sinn zu geben, sowohl in dem sehr aggressiven öffentlichen Diskurs darüber, was zu tun ist und wem die Schuld zu geben ist, als auch in der noch aggressiveren Haltung, die jeder im privaten Umgang miteinander erlebte. Url

In Anlehnung an Hannah Arendt (eine Heldin für politische Theoretiker, insbesondere der Linken) zeigt Desmet, dass der Widerstand gegen Corona-Maßnahmen nicht nur das verrückte Geschwätz eines rechten Randes ist. Der Widerstand gegen die öffentlichen Maßnahmen, die 2020 und 2021 ergriffen werden, überschreitet politische Grenzen, und die Komponenten seiner Argumentation werden, wenn überhaupt, eher mit den traditionellen Werten und Sorgen der Linken in Verbindung gebracht: Einsamkeit, soziale Isolation, atomisierte Individuen, unsichtbare Kollateralschäden, Bullshit-Jobs und Ablehnung des technokratischen Aufklärungskonzepts der rationalen Kontrolle von oben nach unten und der wissenschaftlichen Verbesserung. Url

Es stellt sich die verblüffende Frage: Wie können wir all dem einen Sinn geben? Wir haben die Gesellschaft aus einer Laune heraus und mit sehr wenig Anhaltspunkten für eine – sowohl damals als auch im Rückblick – eher geringfügige Bedrohung umgestaltet. Wie konnten wir alle zur gleichen Zeit den Verstand verlieren? Wie konnten wir alle in den darauffolgenden Monaten und Jahren eine so unglaubliche Zustimmung spüren? Url

Denken Sie, so Desmet, an eine Menschenmenge, die in einem Fußballstadion gemeinsam singt: Url

“Die Stimme des Einzelnen löst sich in der überwältigenden, vibrierenden Gruppenstimme auf; der Einzelne fühlt sich von der Menge getragen und ‘erbt’ ihre vibrierende Energie. Es spielt keine Rolle, welches Lied oder welcher Text gesungen wird; was zählt, ist, dass gemeinsam gesungen wird.” Url

Ob links oder rechts, reich oder arm, schwarz oder weiß, asiatisch oder lateinamerikanisch – im Frühjahr 2020 saßen wir plötzlich alle im selben Boot. Was uns vorher beschäftigte, war plötzlich wie weggefegt, und eine Sache beherrschte die Aufmerksamkeit aller – ein Auslöser für Massenbildungen, der jeden abweichenden Konflikt zu einer hypnotisierenden Einheit verschmolz. Url

Die Massenbildung ist die höchste Form des Kollektivismus, ein Gefühl der mystischen Zugehörigkeit, das diejenigen, die von Gruppen und nicht von Individuen fasziniert sind, routinemäßig(?) als “Gesellschaft”, “Solidarität” oder “Demokratie” bezeichnen. Url

“Was man denkt, ist nicht wichtig; was zählt, ist, dass die Menschen es gemeinsam denken. Auf diese Weise kommt die Masse dazu, selbst die absurdesten Vorstellungen als wahr zu akzeptieren oder zumindest so zu tun, als ob sie wahr wären.” Url

Wenn gleichzeitig eine “suggestive” Geschichte Url

“eine Strategie anbietet, um mit diesem Objekt der Angst umzugehen, besteht die reale Chance, dass sich die gesamte freischwebende Angst an diesem Objekt festmacht und es eine breite soziale Unterstützung für die Umsetzung der Strategie zur Kontrolle dieses Angstobjekts gibt […] Der Kampf gegen das Angstobjekt wird dann zu einer Mission, die mit Pathos und Gruppenheldentum aufgeladen ist.” Url

“In diesem Kampf werden alle latent aufgestauten Frustrationen und Aggressionen herausgelassen, vor allem an jener Gruppe, die sich weigert, bei der Geschichte und der Massenbildung mitzumachen.” Url

Wir alle können uns an Ereignisse der letzten Jahre erinnern, auf die diese Beschreibungen zutreffen. Menschen in unserer Mitte, die vom Covid-Ausbruch bis zur Besessenheit fasziniert waren: Sie verfolgten die Todeszahlen auf CNN gewissenhaft, hielten sich gewissenhaft an die vorgegebenen Regeln und bestraften alle Abweichler oder Kritiker. Die Wut, mit der die Einzelnen handelten, schien in völligem Widerspruch zu jeder Interpretation der Fakten zu stehen: Was ist die Ursache für dieses zwanghafte Verhalten? Url

Das ist genau der Punkt, auf den Desmet hinaus will: Massenbildung ist mit einer Verwischung der Grenze zwischen Fakt und Fiktion verbunden – ja geradezu erforderlich: Die Erzählung ist wichtig, die Gruppenzugehörigkeit ist wichtig. Ob das erklärte Ziel erwünscht ist oder ob die darauf gerichteten Handlungen in irgendeiner Weise sinnvoll sind oder das erklärte Ziel überhaupt fördern können, ist nebensächlich. “In allen großen Massenformationen ist das Hauptargument für die Teilnahme die Solidarität mit dem Kollektiv. Und denjenigen, die sich weigern mitzumachen, wird in der Regel ein Mangel an Solidarität und staatsbürgerlicher Verantwortung vorgeworfen” – also all die Vorwürfe, man wolle die Oma umbringen und die Alten opfern. Url

All dies macht Desmet ohne den Rückgriff auf stichhaltige Beweise oder das, was man als statistische Analyse bezeichnen könnte – deren Wert er erstaunlich viel Zeit widmet, um sie zu widerlegen. Die Macht der “Metriken” kann trügerisch sein, um einen beeinflussbaren Geist zu beeindrucken (die “Wissenschaft” sagt…); und nicht einmal das physikalische Universum ist so real und objektiv, wie wir zu glauben geneigt sind. Url

Letztlich hängt der Wert seiner unglaublich gut geschriebenen Prosa davon ab, ob man glaubt, dass diese Geschichte qualitativ und strukturell zu den Ereignissen der letzten Jahre passt. Er kommt diesem Ziel näher, wenn er direkte Vergleiche mit der schlimmsten und bekanntesten Massenbildung der Neuzeit, Nazi-Deutschland, anstellt – aber das ist doch wohl zu viel, fragt sich der Skeptiker…? Wir waren doch nicht alle letztes Jahr gehirngewaschene Nazis, oder? Nazi-Deutschland hat versucht, Menschen, die sie für untauglich hielten, zu kontrollieren, zu limitieren und auszurotten; wir haben lediglich versucht, einen Virus zu kontrollieren, zu limitieren und auszurotten. Url

Wer hat also die Schuld? Wie bei jedem komplexen Phänomen in der Natur oder in menschlichen Angelegenheiten – wahrscheinlich niemand… oder alle? “Die Massenbildung nimmt sowohl Opfer als auch Täter in ihren Bann.” Entgegen den Verschwörungstheorien von Great Resets oder der Plandemie gibt es keine böswillige Elite, die ein totalitäres System kontrolliert und eine unschuldige und ahnungslose Bevölkerung einer Gehirnwäsche unterzieht. Vielmehr sind es “die Geschichten und die ihnen zugrunde liegende Ideologie; diese Ideologien ergreifen von jedem Besitz und gehören niemandem; jeder spielt eine Rolle, niemand kennt das ganze Drehbuch.” Url

Wir bekommen nicht viele Lösungen, und die übergeordnete Erklärung, die die etwas metaphysische Darstellung zusammenhält, ist die immunsupprimierende Kraft von Stress und Angst. Gestresste Körper sind physisch weniger resistent gegen Viren. Es herrschen Nocebo- und Placebo-Effekte. Url

Was die traumartige Haltung der Massenbildung wirksam auflöst, ist Widerstand. Man muss sich zu Wort melden: “Jeder, der auf seine Weise die Wahrheit sagt, trägt zur Heilung der Krankheit bei, die den Totalitarismus ausmacht.” Url

Leider ist das auch eine Zielscheibe: Man ist vielleicht in einem kosmischen Sinn verpflichtet, gegen Unwahrheit und Wahnsinn aufzutreten, doch muss man deshalb zum Märtyrer werden? Glücklicherweise bietet Desmet uns auch den umgekehrten Weg an: Aushalten. Es ist auch in Ordnung, nicht die Stimme zu erheben, denn das Wichtigste ist, zu überleben, bis das totalitäre System sich selbst zerstört hat: Ein totalitäres System ist selbstzerstörerisch und “muss nicht unbedingt überwunden werden, sondern man muss irgendwie überleben, bis es sich selbst zerstört hat.” Url

Das Covid-Pandämonium war eine Erinnerung daran, dass selbst reiche, vernünftige, wohlerzogene und gut ausgebildete Gesellschaften schneller in die Hölle hinabsteigen können, als man “Notfall” rufen kann. Die Gesellschaft balanciert immer am Rande eines unsagbar grausamen Abgrunds. Url

Für diejenigen unter uns, die sich angesichts der Ereignisse in den Jahren 2020 und 2021 ungläubig am Kopf kratzen, kommt Desmets Buch zu kurz. Es ist nicht so umfassend und schlüssig, wie wir es uns gewünscht hätten, und es wird definitiv nicht das letzte Wort über diese seltsame Episode sein. Dennoch bietet es uns eine plausible Geschichte, eingebettet in die Art und Weise, wie der menschliche Verstand kollektiv in die Irre geführt werden kann. Url


Autor: Joakim Book Url

Am 12.06.22 erschienen auf: https://brownstone.org/articles/mattias-desmet-on-totalitarianism-of-mass-panic/ Url

Übersetzung: Quer gedacht Url

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