BMJ zu Corona-Impfstoffen & -Behandlungen: Wir brauchen die Rohdaten, und zwar sofort

Dem altehrwürdigen British Medical Journal (BMJ), eine der renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften, ist der Geduldsfaden gerissen. In einem bemerkenswerten Aufruf fordern zwei aktuelle Chefredakteure sowie eine ehemalige Chefredakteurin die sofortige Herausgabe der Rohdaten zu den Corona-Impfstoffen und -Behandlungen. Url


Autoren: Peter Doshi, Chefredakteur, Fiona Godlee, ehemalige Chefredakteurin, Kamran Abbasi, Chefredakteur Url

Die Daten sollten vollständig und sofort für die Öffentlichkeit zugänglich sein Url

Vor zehn Jahren, mitten in einer anderen Pandemie, wurde in der Zeitschrift BMJ veröffentlicht, dass Regierungen in aller Welt Milliardenbeträge für die Bevorratung mit antiviralen Grippemitteln ausgegeben hatten, die nachweislich das Risiko von Komplikationen, Krankenhauseinweisungen oder Todesfällen nicht verringern konnten. Die meisten Studien, die der Zulassung und der staatlichen Bevorratung von Oseltamivir (Tamiflu) zugrunde lagen, wurden vom Hersteller gesponsert; die meisten waren unveröffentlicht, die veröffentlichten wurden von Autoren verfasst, die vom Hersteller bezahlt wurden; die als Hauptautoren aufgeführten Personen hatten keinen Zugang zu den Rohdaten und Wissenschaftlern, die für eine unabhängige Analyse Zugang zu den Daten beantragten, wurde dieser verweigert. 1 2 3 4
Die Tamiflu-Affäre läutete ein Jahrzehnt ein, in dem die Bedeutung der Weitergabe von Daten aus klinischen Studien in noch nie dagewesener Weise betont wurde. 5 6 Öffentliche Auseinandersetzungen um Daten von Arzneimittelherstellern, 7 8 Transparenzkampagnen mit Tausenden von Unterschriften, 9 10 verschärfte Anforderungen an die Weitergabe von Daten in Fachzeitschriften, 11 12 ausdrückliche Zusagen von Unternehmen, Daten weiterzugeben, 13 neue Portale für den Datenzugang auf Websites 8 und wegweisende Transparenzmaßnahmen von Arzneimittelbehörden 14 15 – all dies versprach eine neue Ära der Datentransparenz. Url

Es wurden zwar Fortschritte erzielt, doch eindeutig nicht genug. Die Fehler der letzten Pandemie werden nun wiederholt. Das Gedächtnis ist kurz. Trotz der weltweiten Einführung von Corona-Impfstoffen und -Behandlungen sind die den Studien für diese neuen Produkte zugrundeliegenden anonymisierten Daten der Teilnehmer für Ärzte, Wissenschaftler und die Öffentlichkeit nach wie vor unzugänglich – und werden es wahrscheinlich auch in den kommenden Jahren bleiben. 16 Dies ist für alle Studien moralisch nicht vertretbar, besonders aber für solche, bei denen es um wichtige Eingriffe in die öffentliche Gesundheit geht. Url

Inakzeptable Verzögerung Url

Die entscheidende Corona-Impfstoffstudie von Pfizer wurde von dem Unternehmen finanziert und von Pfizer-Mitarbeitern konzipiert, durchgeführt, analysiert und verfasst. Das Unternehmen und die mit der Durchführung der Studie beauftragten Forschungsinstitute sind im Besitz aller Daten. 17 Und Pfizer hat mitgeteilt, dass es erst im Mai 2025, also 24 Monate nach dem primären Abschlussdatum der Studie, das auf ClinicalTrials.gov mit 15. Mai 2023 angegeben ist (NCT04368728), Anfragen nach Studiendaten beantworten wird. Url

Der fehlende Zugang zu den Daten ist bei allen Impfstoffherstellern gleich. 16 Moderna gibt an, dass die Daten “möglicherweise … mit der Veröffentlichung der endgültigen Studienergebnisse im Jahr 2022 zur Verfügung stehen”. 18 Die Datensätze werden “auf Anfrage und vorbehaltlich der Überprüfung nach Abschluss der Studie” zur Verfügung gestellt, die voraussichtlich am 27. Oktober 2022 abgeschlossen sein wird (NCT04470427). Url

Ab dem 31. Dezember 2021 könnte AstraZeneca in der Lage sein, Anfragen nach Daten aus mehreren seiner großen Phase-III-Studien zu beantworten. 19 Doch die tatsächliche Beschaffung von Daten könnte sich als langwierig erweisen. Auf der Website von AstraZeneca heißt es: “Die Fristen variieren je nach Anfrage und können bis zu einem Jahr nach der vollständigen Einreichung der Anfrage dauern”. 20 Url

Grundlegende Daten für Covid-19-Therapeutika sind ebenfalls schwer zu finden. In den veröffentlichten Berichten über die Phase-III-Studie von Regeneron zu seiner monoklonalen Antikörpertherapie REGEN-COV heißt es ausdrücklich, dass die Daten der Teilnehmer nicht an Dritte weitergegeben werden. 21 Sollte das Medikament zugelassen werden (und nicht nur eine Notfallgenehmigung erhalten), wird eine gemeinsame Nutzung “in Betracht gezogen”. Für Remdesivir haben die US-amerikanischen National Institutes of Health, die die Studie finanziert haben, ein neues Portal zur gemeinsamen Nutzung von Daten eingerichtet (https://accessclinicaldata.niaid.nih.gov/), doch das Datenangebot ist begrenzt. In einem Begleitdokument wird erklärt: “Der Längsschnittdatensatz enthält nur eine kleine Teilmenge des Protokolls und der Ziele des statistischen Analyseplans.” Url

Wir erhalten zwar Veröffentlichungen, jedoch keinen Zugang zu den zugrundeliegenden Daten, wenn wir eine angemessene Anfrage stellen. Dies ist besorgniserregend für Studienteilnehmer, Wissenschaftler, Kliniker, Zeitschriftenherausgeber, politische Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit. Die Zeitschriften, die diese Primärstudien veröffentlicht haben, könnten argumentieren, dass sie sich in einem Dilemma befanden, nämlich in der Zwickmühle zwischen der schnellen Bereitstellung der zusammengefassten Ergebnisse und der Wahrung der höchsten ethischen Werte, die einen rechtzeitigen Zugang zu den zugrunde liegenden Daten unterstützen. Unserer Ansicht nach gibt es kein Dilemma; die anonymisierten individuellen Teilnehmerdaten aus klinischen Studien müssen für eine unabhängige Prüfung zugänglich gemacht werden. Url

Zeitschriftenherausgeber, Gutachter und Verfasser von Leitlinien für die klinische Praxis erhalten in der Regel nur wenig mehr als eine Zeitschriftenveröffentlichung, während die Zulassungsbehörden im Rahmen des behördlichen Prüfverfahrens weitaus detailliertere Daten erhalten. Der frühere Exekutivdirektor und leitende Mediziner der Europäischen Arzneimittelagentur sagte: “Es ist keine gute Idee, sich bei Entscheidungen im Gesundheitswesen ausschließlich auf die Veröffentlichungen klinischer Studien in wissenschaftlichen Zeitschriften zu verlassen…Die Arzneimittelbehörden sind sich dieser Einschränkung seit langem bewusst und beschaffen und bewerten routinemäßig die vollständige Dokumentation (und nicht nur die Veröffentlichungen).” 22 Url

Es wird vermutet, dass die US-amerikanische Food and Drug Administration die meisten Rohdaten erhält, diese aber nicht proaktiv freigibt. Nach einem Informationsfreiheitsantrag für die Impfstoffdaten von Pfizer bot die FDA an, 500 Seiten pro Monat freizugeben – ein Prozess, der Jahrzehnte dauern würde – und argumentierte vor Gericht, dass die Veröffentlichung von Daten nur langsam vorankomme, da sensible Informationen zunächst geschwärzt werden müssten. 23 In diesem Monat lehnte ein Richter jedoch das Angebot der FDA ab und ordnete an, dass die Daten in einem Umfang von 55.000 Seiten pro Monat freigegeben werden sollen. Die Daten sollen auf der Website der antragstellenden Organisation (phmpt.org) zugänglich gemacht werden. Url

Auch Health Canada und die EMA haben mit der Freigabe Tausender von Seiten klinischer Studiendokumente ein Maß an Transparenz geschaffen, das Anerkennung verdient. 24 25 Bis vor kurzem waren die Daten jedoch nur von begrenztem Nutzen, da zahlreiche Schwärzungen vorgenommen wurden, um die Verblindung der Studien zu schützen. Seit September 2021 sind jedoch Studienberichte mit weniger Schwärzungen verfügbar 24 25 und fehlende Anhänge können über Informationsfreiheitsanträge zugänglich sein. Url

Wer jedoch nach Datensätzen auf Teilnehmerebene sucht, könnte enttäuscht werden, da Health Canada und die EMA diese Daten nicht bekommen oder auswerten, und es bleibt abzuwarten, wie die FDA auf den Gerichtsbeschluss reagiert. Außerdem legt die FDA nur Daten für den Impfstoff von Pfizer vor; die Daten anderer Hersteller können erst angefordert werden, wenn die Impfstoffe zugelassen sind, was bei den Impfstoffen von Moderna und Johnson & Johnson nicht der Fall ist. Die Industrie, die im Besitz der Rohdaten ist, ist rechtlich nicht verpflichtet, Anträgen unabhängiger Wissenschaftler auf Einsichtnahme stattzugeben. Url

Im Gegensatz zur FDA und zu ihren kanadischen und europäischen Pendants gibt die britische Regulierungsbehörde für Arzneimittel und Gesundheitsprodukte (Medicines and Healthcare Products Regulatory Agency) die Dokumente zu klinischen Studien nicht proaktiv frei und hat auch die Veröffentlichung von Informationen, die als Reaktion auf Anfragen im Rahmen der Informationsfreiheit freigegeben wurden, auf ihrer Website beendet. 26 Url

Transparenz und Vertrauen Url

Neben dem Zugang zu den zugrunde liegenden Daten ist eine transparente Entscheidungsfindung von entscheidender Bedeutung. Die Aufsichtsbehörden und die Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitswesens könnten Einzelheiten 27 veröffentlichen, z. B. warum die Impfstoffstudien nicht darauf ausgelegt waren, die Wirksamkeit gegen die Infektion und Verbreitung von SARS-CoV-2 zu testen. 28 Hätten die Regulierungsbehörden auf diesem Ergebnis bestanden, hätten die Länder früher von den Wirkungen der Impfstoffe in Hinblick auf die Übertragung erfahren und hätten entsprechend planen können. 29 Url

Die Pharmaindustrie ist die Branche, der am wenigsten vertraut wird. 30 Mindestens drei der vielen Unternehmen, die Corona-Impfstoffe herstellen, haben in der Vergangenheit straf- und zivilrechtliche Vergleiche geschlossen, die sie Milliarden von Dollar gekostet haben. 31 Eines hat sich des Betrugs schuldig bekannt. 31 Andere Unternehmen haben keine Erfolgsbilanz aus der Zeit vor Coronoa. Jetzt hat die Corona-Pandemie viele neue Pharmamilliardäre hervorgebracht, und die Impfstoffhersteller haben Einnahmen in zweistelliger Milliardenhöhe gemeldet. 32 Url

Das BMJ unterstützt eine Impfpolitik, die auf fundierten Erkenntnissen beruht. Während die weltweite Einführung von Impfstoffen fortschreitet, kann es weder vertretbar noch im besten Interesse der Patienten und der Öffentlichkeit sein, dass wir uns einfach auf das “System” verlassen, in der vagen Hoffnung, dass die zugrundeliegenden Daten irgendwann in der Zukunft für eine unabhängige Prüfung zur Verfügung stehen werden. Das Gleiche gilt für die Behandlung von Covid-19. Transparenz ist der Schlüssel zum Aufbau von Vertrauen und ein wichtiger Weg zur Beantwortung der berechtigten Fragen der Menschen nach der Wirksamkeit und Sicherheit von Impfstoffen und Behandlungen und den für ihre Verwendung festgelegten klinischen und gesundheitspolitischen Maßnahmen. Url

Vor zwölf Jahren forderten wir die sofortige Freigabe von Rohdaten aus klinischen Studien. 1 Wir wiederholen diese Forderung jetzt. Die Daten müssen verfügbar sein, wenn Studienergebnisse bekannt gegeben, veröffentlicht oder zur Begründung von Zulassungsentscheidungen herangezogen werden. Es gibt keinen Platz für pauschale Ausnahmen von der bewährten Praxis während einer Pandemie. Die Öffentlichkeit hat für die Corona-Impfstoffe durch die umfangreiche öffentliche Finanzierung der Forschung bezahlt, und es ist die Öffentlichkeit, die die Abwägung von Nutzen und Schaden, die mit der Impfung einhergeht, übernimmt. Die Öffentlichkeit hat daher ein Recht und einen Anspruch auf diese Daten sowie auf deren Überprüfung durch Experten. Url

Pharmazeutische Unternehmen erzielen enorme Gewinne, ohne dass ihre wissenschaftlichen Behauptungen von unabhängiger Seite angemessen geprüft werden. 33 Die Aufgabe der Regulierungsbehörden besteht nicht darin, nach der Pfeife reicher globaler Konzerne zu tanzen und sie weiter zu bereichern, sondern die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen. Wir brauchen vollständige Datentransparenz für alle Studien, wir brauchen sie im öffentlichen Interesse und wir brauchen sie jetzt. Url

Fußnoten Url

Konkurrierende Interessen: Wir haben die BMJ-Politik zur Interessenerklärung gelesen und verstanden und erklären, dass das BMJ ein Mitbegründer der AllTrials-Kampagne ist. Peter Doshi war einer der Gutachter von Cochrane, die seit 2009 antivirale Grippemittel untersuchten und sich für den Zugang zu Daten einsetzten. Er war auch an der Organisation der Coalition Advocating for Adequately Licensed Medicines (CAALM) beteiligt, die eine formelle Petition an die FDA richtete, dieses Jahr keinen Corona-Impfstoff vollständig zuzulassen (docket FDA-2021-P-0786). Peter Doshi ist auch Mitglied von Public Health and Medical Professionals for Transparency (Fachkräfte der öffentlichen Gesundheit und Mediziner für Transparenz), die die FDA verklagt hat, um von Pfizer die Daten zum Corona-Impfstoff zu erhalten. Die Ansichten und Meinungen spiegeln nicht unbedingt die offizielle Politik oder Position der Universität von Maryland wider. Url


Am 19.01.21 erschienen auf: https://www.bmj.com/content/376/bmj.o102 Url

Übersetzung: Quer gedacht Url

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